Every generation has its way

Das Wetter ist grauslich, denn seit Sonntag regnet es wie aus Schaffeln – von wegen in die Sonne. Sonntag soll es angeblich 33 Grad bekommen, was ich nicht verifiziert habe, mir aber zugetragen wurde.

Schon früh aus dem Haus, ging ich nach meinem Termin einkaufen. Und zwar in meine nette B-Filiale gleich einen Steinwurf weiter. Hier regiert steirische Herzlichkeit, die mittels Bellerei von einem Regal zum anderen erfolgt. Es herrscht hier eine ausgesprochen schöne Stimmung, die Filiale ist klein und fein und verglichen an der Größe anderer Hypermärkte würde man heute dazu Greißlerei sagen.
Ein Schwätzchen mit dem Filialleiter, weil ich mich für eine Freundin um einen Ferialjob ihres Sohnes erkundigen wollte. Alles abgecheckt, 16 Jahre müssen sie sein, 1-2 Monate können sie dort arbeiten, 38 Stunden und die Bezahlung ist auch nicht schlecht, denn die liegt bei 700 Euro. Verglichen zum Anfangsgehalt einer Masseurin, Flußpflegerin, die eine abgeschlossene Lehre besitzen muss und nur 849 Euro pro Monat verdient, ist dieser Job Luxus, auch wenn man nur Dosen schupft. Ob sich denn der junge Mann die Filiale aussuchen könne, frage ich ganz naiv. Ganz typisch A., die Angestellten rufen sich nur mit dem Vornamen, daher weiß ich auch nur seinen, neigt seinen Kopf etwas schief und lächelt mich an. Ok, ich hab’s verstanden, eigentlich sucht sich der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter aus. Er sagt aber trotzdem diplomatisch, „des kummt drauf o“. Ok, alles geklärt, ich schnappe meine Einkäufe und renne beinahe Herrn S. über den Haufen. Mein Liebling aus der Straße, obwohl er mich einmal herbe entäuschte. Er hatte im Nebenhaus, erzählte ich das nicht schon, ein Gemüsegeschäft und mir einmal eingetrocknete Maroni angedreht, das hat mich recht geärgert. Vergessen nicht, aber verziehen, tratschen wir gerne ein wenig und scherzen vor allem. Mit Herrn S. lässt es sich trefflich herzhaft lachen, ich schwebe danach immer 10 cm über dem Boden. Man sollte jeden Morgen so einen Menschen treffen!

Auf die Frage, wie es ihm denn ginge, kam seine Standardantwort „wie die anderen wollen“ und lacht dabei herzlich. Mai wäre es und er ist noch gar nicht in seinem Sommerhaus, bemerke ich. Frau S. hat ziemlich arge Venenprobleme, inoperabel und ist mehr als schlecht zu Fuß. So macht Herr S. alle Besorgungen und im Haus am Lande ist alles ebenerdig, versuchen die beiden so früh wie möglich die Stadt zu verlassen, weil es „für die Frau“ bequemer ist, wie Herr S. immer sagte. Er ergänzt dann „Wissen’S eh.“ Ja, ich weiß, oder ich kann es mir vorstellen.

Wie wir so plaudern kramt er in beiden Taschen nach einer Münze für den Einkaufswagen. Ein Knopf, ein Cent, 5 Cent „no, wos is des heit“, ärgert er sich, weil er keine passende Münze findet. „Haben wir gestern alles am Kopf g’haut, Herr S.?“ Und hole eine 50 cent Münze aus der Geldbörse. Ich weiß nämlich, Herr S. geht gerne ab und zu zum Wirten um ein Glas Wein zu heben. „No, wos soll i do jetzt?“, fragt er ein wenig ratlos. „Nehmen und in zwei Wochen geben sie mir 2 Euro, die Zinsen sind sehr angestiegen“, lachen wir beide, drücke die Münze in den Spalt, der Wagen springt heraus und fährt dem S. fast in den Bauch. „Na, ins Spitoi muass i. An, zwa Wochen, durchchecken. Die Blase, wissen’S.“ Blase klingt nicht gut, denk ich mir, lass es mir aber nicht anmerken. „Herr S., ich denk an Sie, wird schon alles gut gehen. Und dass Sie keine Blödheit machen, sie sind mir noch Geld schuldig.“ „A deswegen denkn’S an mi.“ „Erraten,“ wir lachen beide, winken uns zu und unsere Wege trennen sich.

Erst letzte Woche habe ich den Patezettel am Geschäft meines Uhrmachers vorgefunden. Er war der, der das alte nicht sehr hübsche, aber in Ehren gehaltene Erbstück einer Pendeluhr direkt zu Hause abholte, reinigte, ggf reparierte und wieder nach Hause brachte. Ein Geschäftsmann vom alten Schlag, für den der Kunde König ist. 65 ist er geworden, also kein Alter, vor zwei Monaten habe ich ihn noch braun gebrannt, wie das blühende Leben gesehen.

Man muss einfach jeden Tag leben, als wäre es der letzte!
Joe Cocker hat heute Geburtstag, 64 ist er. N’oubliez jamais!

Advertisements

12 Kommentare

Eingeordnet unter befindlichkeiten, ente on tour, stadtgeschichten

12 Antworten zu “Every generation has its way

  1. und wenn es denn der letzte wäre, was wäre da alles noch zu ordnen, zu sortieren, abzuschliessen ? Sich an den Kleinigkeiten, die einem das Leben bereithält, herzlich freuen, lachen, ja das ist es.. und den letzten Tag jeweils um einen Tag rausschieben.

  2. was machen Flußpflegerinnen eigentlich?

  3. @lamiacucina: Was heißt rausschieben? Gar nicht daran denken! Es soll mich einmal der Blitz treffen und zurück bleibt ein Häufchen Entenasche, darüber fliegt ganz knapp ein wunderschöner, eleganter Erpel und meine Asche verteilt sich auf dem Weiher und wird von den Fischen gefressen. Genau so soll es sein!

    @weltbeobachterin: Sie pflegen Füße. 😀 Es gibt Maniküre, die macht die Friseurin oder Kosmetikerin mit und Pediküre ist eine eigene Ausbildung. Speziell ältere Menschen, die nicht mehr so beweglich sind, nehmen dies in Anspruch. Kennst du das wirklich nicht?

  4. LLLLLLLLLLLLL du hast Flußpflegerinnen geschrieben, darum. Ein LLLLLLLLLLLLLLLLLLLL war zuviel… Ich hätte vielleicht einen Smiley dazu machen müssen. Was Fußpflegerinnen machen, kenn ich ja auch. Ich finde es sehr angenehm.

  5. Karl H.

    1.) zu Begegnung mit Herrn S.: „Jede Minute, die man lacht, verlängert das Leben um eine Stunde“ (Chinesisches Sprichwort)
    2.) Tief berührt hat mich die Erwähnung des Partezettels. Ein Berufskollege in meinem Alter!

  6. @weltbeobachterin: hehe, zu blöd auch, Brett vorm Kopf. Und ich dachte mir schon, wieso du den Beruf nicht kennst. :-))

    @Karl H.: Ich sollte wieder mehr lachen. In letzter Zeit gab es nicht so viel zu lachen für mich. Eigentlich blöd, ich werde das schlagartig ändern!
    Der Uhrmachermeister hat es aber gescheit gemacht, denn er hat sein Geschäft schon vor gut 7-8 Jahren geschlossen und nur seinen Stammkunden die Telefonnummer gegeben, falls es etwas zu reparieren gab. Somit hat er seine Zeit genossen. Trotzdem viel zu jung gestorben und in letzter Zeit sehe ich so viele Menschen um mich herum sterben, auch sehr junge, da bedrückt mich jeder neue Tod aufs Neue.

  7. Zu lachen hatte ich die letzten Jahre auch nicht wirklich viel, aber ich denk mir, irgendwann wird die Shit-Zeit auch vorbei sein und dann kriegt man eventuell ein bisserl was wieder gut geschrieben – ich arbeite zumindest daran und hab mir angewöhnt mich auch über die kleinen Dinge zu freuen, die andere gar nicht bemerken.

  8. @Gerlinde: Ich kann eigentlich sehr leicht, herzlich und lauthals lachen. Aber es gibt Momente im Leben, da gfriert es einen ein. Und wenn man dann draufkommt, wie zwider man geworden ist, dann kann man wieder durchtauchen.
    Und sicherlich ist es der Blick auf Kleinigkeiten, der einen guten Anfang setzt.

  9. Karl H.

    Damit ichs nicht vergesse: vielen Dank noch für den Tipp mit dem Ottakringer!

  10. Happy Birthday Joe Cocker. Ich erinnere mich ihn in Basel vor zig Jahren auf einem Open Air live gesehen zu haben. Hätte er den Mikrofonständer nicht gehabt… er wäre umgefallen. Seine damalige Alkoholphase hätte ihn fast dahingerrafft. Er hats glücklicherweise derrappelt.

  11. @Karl H.: Gerne, kann dir auch gerne eine Flasche in die ferne deutsche Enklave schicken. 🙂

    @Dandu: So wie es ausschaut, dürfte er sich derappelt haben. Weiß aber auch nicht, aus welcher Zeit dieses Video stammt. Die Musik passt aber von ihm, würde ich sagen. Ich mag ja auch Amy Winehouse. 😉 Was sollst machen, wenn die sich alle kaputtmachen, solche Idioten.

  12. @LillY: Ach, ich lach doch auch lauthals und über jeden Blödsinn und grantig und zwider bin ich überhaupt nicht, aber wenn einmal das ein oder andere Steinderl vom Herzen fällt, bin ich auch nicht bös drüber. Unbeschwert glücklich sein – das wärs und das kommt auch ganz bestimmt bald!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s