Kult-Uhr

Gestern habe ich ein wenig in Sachen Kultur gemacht.
Die schon lange auf meiner Liste (ja, ich habe sooooo viele Listen) stehende Ausstellung von Guy Bourdin im Kunsthaus besucht. Er ist, nein war als Fotograf ein wahrer Künstler. Eigentlich in der Werbefotografie zu Hause, fotografierte er für die französische Vogue und für Charles Jourdan, daher sind bei sehr vielen Bildern, die Schuhe ins rechte (schöne) Bild gerückt.
Ich war schlichtweg begeistert.

Für den Abend wollte ich entweder ins Volkstheater gehen und „Den Besuch der alten Dame“ ansehen, oder ein Stück eines Bezirksfestivals besuchen. Ich entschied mich für letzteres, weil ins Theater kann ich noch immer mit meiner Freundin gehen, hingegen das Stück spielt es nur einmal und ist etwas komplett anderes. Schon alleinde deshalb, weil es sich auf einem recht urbanen Marktgelände abspielt. So war als Aufführungsort die Kühlhalle vorgesehen. Ich zog mir über mein ärmelloses Shirt eine Strickjacke und schlüpfte noch in einen Mantel hinein. Mütze ließ ich zu Hause, denn bevor ich friere, gehe ich lieber gleich nach Hause. Man muss nich von allem haben, sondern nur von vielem ein bisschen. 😉

Nun war ich endlich da und umkreiste einmal die Plaza, wie sie den Platz festivalmäßig nannten – hat er doch überhaupt nichts mondänes einer Plaza und heißt normaler Weise einfach nur „Markt“. Ich suchte Brian von Ottakring, in Anlehnung an das Stück „Jesus von Ottakring“, doch weder Brian noch Jesus waren zu finden.
Dann endlich entdeckte ich einen Tisch, dahinter zwei Frauen, haufenweise Flyer und Prospektmaterial zu einer Performance, die irgendwo anders, vielleicht im Gemüsecontainer stattfand. Da aber vom gleichen Festival dachte ich mir, die werden doch untereinander wissen, wo etwas gespielt wird.
Das Stück „Brian in Ottakring“, wo es denn stattfände?, frage ich und erhoffe mir optimistisch die richtige Antwort.
„Keine Ahnung“ blickten mich zwei ratlose Augenpaare ermunternd an: „Hier irgendwo, der Platz ist ja nicht groß.“
Na gut, ich bin ja schon zwei Runden marschiert, das wussten sie nicht.
„Wo denn die Kühlhalle wäre“, fragte ich und bekam zur Antwort „bei den Koffern gleich da hinten“. In welchem Film bin ich da eigentlich? Irgendwo versteckte Kameras? Koffer? Ich suche Brian!
Ok, die Kühlhalle hatte ich gefunden. Angenehm, ich konnte keine Kühlaggregate ausnehmen und Temperatur war eher die eines Heuschobers. Es war warm und ich hörte vom hinteren Raum Musik, es war dunkel, zwei junge Frauen saßen auf Klappsesseln und philosophierten über Koffer.
„Ja, was sagt uns ein Koffer?“
(Meint sie mich? Doch nicht wirklich …)
Reisen, Ortswechsel, Mitnahme, kommen, gehen ….
(Ich bin da! Wo ist Brian, liegt mir auf der Zunge.)
Im Raum stehen kreuz und quer Koffer, alte, neue, braune, schwarze, Plastik, Stoff – ich suche die Kunst.
„Du, weißt du vielleicht wo das Stück Brian stattfindet?“ Unterbreche ich ihre tiefenpsychologische Betrachtung Reisender und deren Behältnisse.
Sie ist sichtlich erstaunt, warum ich sie nicht etwas über Koffer frage und holt zwei Blätter bedrucktes Papier aus einem – erraten, Koffer!
(Hilfe!)
Ich will ihr erklären: „Im Internet steht, heute 20 Uhr in der Kühlhalle.“
Sie hält die Blätter hoch und sagt, „das ist das Internet“.
(Angst, die Situation wird immer irrer.)
Neben mir ein Mann meines Alters. Er greift zum Telefon und meint, nachdem er zwei Plastiksessel erfolgreich übereinanderstapelte (welche Funktion hat er bei dieser Kofferinstallation?), er rufe jetzt die Chefin an. Warum Männer immer vernünftiger sind als Frauen, zumindest in der Kunstszene.
„Hebt nicht ab.“
„Ok, danke“ Pfeif drauf, denk ich mir und dreh noch eine Runde.
Von weitem jammert, ächzt, schreit, trötet und trommelt es. Hier ist es besser organisiert, denn ich kann am Plakat lesen, das ist ein Improvisationsorchester. Tja, das hätte ich alleine auch gewusst. Zuerst schau ich von draußen zu, dann wage ich mich hinein. Leider ist die Stimmung nicht zu vermitteln. Wer sich aber bei den Koffern einfühlen konnte, der kann sich ungefähr auch denken, wie es bei dem Theater zuging.

Der Posaunist war einer der wildesten. Ich dachte, es wirft ihn jetzt und jetzt vom Sessel, so inbrünstig blies er die Posaune und bog sich dabei in alle Richtungen.

„Sie“ habe ich nur von hinten gesehen und gehört. „Sie“ stellte sich als „er“ heraus, die Stimme war aber etwas weiblich. Schöne Haare, oder?

„Er“ war manchmal ruhig und dann trommelte er wie wild. Da war er gerade ruhig und wartete auf seinen Einsatz.

Angenehmer Nebeneffekt, für diese Musikrichtung muss man keine Noten können, alle spielen so, wie sie gerade wollen.  Der Dirigent nickte zufrieden und manchmal, wenn es ihm zu leise war, hob er die Hände empor und wollte mehr. So wie hier.
Und wenn es dann so laut war, wie er wollte, hüpfte er kurz hoch und stampfte mit beiden Füßen auf dem Boden, als hätte das irgendwer gehört.

Brian, so erfuhr ich, hat die Schauspielergruppe durch Nichterscheinen abgesagt. Heute spielt es wieder nicht Brian. Wer will, kann sich auf die Suche machen, ab 20 Uhr im dortigen Theater!

Ergänzung: Habt ihr gesehen? Der Cellist hat seinen eigenen Sessel mitgebracht! Jetzt ist das Musikinstrument alles andere als klein, schleppt er auch noch den eigenen Cellosessel mit. Jetzt weiß ich, warum ich über Blockflöte nie hinauskam. 🙂

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7 Kommentare

Eingeordnet unter ente on tour, stadtgeschichten

7 Antworten zu “Kult-Uhr

  1. da lob ich mir die Zuverlässigkeit alter Damen.

  2. @lamiacucina: Düüüürrenmatt meinst du. Jetzt hab ich aber denken müssen. Dachte, du meinst mich. 😀

  3. Na, wer weiß, vielleicht hat er ja… *g*

  4. @Gerlinde: Typisch, wenn Frauen Frauen in den Rücken fallen. :-))
    Heute fühl ich mich nicht alt, wie das morgen aussieht, sag ich dir dann, wenn ich mich aus dem Bett gewutzelt habe.

  5. Ich meine und habe gemeint: Claire Zachanassian, um jeden Zweifel auszuräumen.

  6. Eine Ziehharmonika könnte ich noch beisteuern aber das würde nicht passen und meine Fähigkeiten sind auch wieder eingerostet. Aber Macken hätte ich zu bieten … für dich abholbereit. 😉

  7. @lamiacucina: Alle Zweifel vom Tisch.

    @Dandu: Das hätte bei dem Theater nicht gestört, ob du eingerostet bist oder nicht. Macken? Die lässt du schön dort wo sie sind. 😉

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