Von der alten Garde …

Wo ich gestern das Thema des Mythos anriss und man sich darüber gedanklich auseinandersetzen sollte, wann jemand ein Mythos ist, bzw. dazu gemacht wird, gibt es ein sehr schönes Kompliment, das wohl mehr Ehrerbietung zeigt, als ein Mythos zu sein: „Man ist von der alten Garde“. Das letzte Mal gehört, als man das meinem Großvater zusagte, habe ich das wohl mit Stolz gehört, aber nicht so werten können. Ist das eigentlich ein typisch Wiener Ausdruck?

Heute nach dem Bekanntwerden von Helmut Zilks Ableben, habe ich das wieder gehört. Bei einem Fleischhauer in Brigittenau, wo alle Kunden die hereinkommen noch mit dem Namen angesprochen wurden, kam Frau Sch. zur Verkäuferin mit der Botschaft: „Ham’s scho g’hört, der Zilk is gsturbn. A aner von der oidn Garde.“
Betroffenheit, die mich ereilte. Nicht mehr und nicht weniger, als ich von Haiders Tod erfuhr, man kannte ihn nur von den Medien. Kurz spult man im Gedächtnis ab, was man von dem Menschen weiß, wie er auf mich und die Bevölkerung gewirkt hat und welchen Eindruck er nun hinterlässt, wo er Spuren seines Lebens hinterlassen hat. Das wird kein Nachruf, da werden wir noch einige lesen, sondern nur eine persönliche Wertung, die ich anstelle.
Es ist natürlich vermessen, ihn mit H. zu vergleichen, ich mache das nur in der Hinsicht, um zu wissen, wer für mich mehr Mythos ist. Zilk ist für mich auch keiner, aber doch hinterlässt er für meine Begriffe mehr und vermutlich daher, weil er Wiener Altbürgermeister war.

Das letzte Mal, wo ich ihn gesehen habe, war in der Sendung Lebens-Künstler, wo er dem 80-Jährigen Alfred Hrdlicka eine Replik auf sein Leben abverlangte. Hrdlicka sprach über sein Lebenswerk, seine Frauen, den Alkohol und man erkannte, was er auch aus ihm gemacht hat. Zilk auch gerade kein Jungspund, er war 81, zeigte sich als zwar schrulligen Menschen, aber mit überaus wachem Geist und Einfühlungsvermögen.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Die Welt, stadtgeschichten

8 Antworten zu “Von der alten Garde …

  1. Bloglesen informiert nebenbei auch, ich wusste nicht,dass der Zilk gestorben war.

  2. @Bolli: Das passierte auch erst heute früh. Und anscheinend ist der Tod Zilk’s nicht so interessant, wie der von H. Da war die Auslandspresse schneller. Was ja wieder meine Gedankengänge zum Mythos widerlegt.

  3. was die lebensmenschen dieser beiden verstorbenen angeht, hat aber H. eindeutig mehr hergegeben.

  4. ja, über’s H. sexuelle Präferenzen berichtete das frz. Fernsehen direkt schon nach seinem Ableben…….

  5. nein, er war kein Mythos, aber sehr real – zumindest in meiner Welt. Eines meiner ersten fernseherinnerungen war ja das Briefbombenattentat auf ihn. Ich mochte die Sendung Lebenskünstler und fand es eine Frechheit, da sie zu selten und zu später Nachtzeit gesendet wurde.

  6. hab ihn nur über seine Frau, die Soubrette Dagmar Koller wahrgenommen.

  7. @herold: Nun, wenn die Koller zu Wort kommt, wird sie sicherlich auch darüber zu berichten wissen. Ich meine, sie hat die Bezeichnung Lebensmensch überhaupt erfunden!

    @Bolli: Und in Ö. pfiffen das schon längst die Spatzen vom Dach. 😀

    @weltbeobachterin: Das Briefbombenattentat fand ich damals auch sehr schlimm.
    Man muss bei aller Huldigigung auch sagen, Zilk war auf seine Art auch sehr anstrengend. Er hat die Menschen kaum ausreden lassen und ihnen eigentlich seine Meinung aufgedrängt. Aber er hatte wiederum den gesunden Hausverstand und man hatte das Gefühl, der Mensch ist mit sich und seiner Umwelt zufrieden. Er und seine Daggi liefen einfach schön rund.

    @lamiacucina: Die Daggi ist ein Fall für sich. Sie ist ebenso anstrengend, wie Zilk es manchmal war, aber ein Vollblutprofi durch und durch. Sehr viel Disziplin, die sie sich auferlegt.

  8. ja, er war auch anstrengend. Nur wer ist anstrengender er oder die Dagi?
    und er hatte sehr wohl Fehler doch im Vergleich zu JH nur geringfügige. Genau die sind es die unangenehm sind. und eine Eitelkeit und den Drang ständig der Mittelpunkt zu sein. Als ZiB Moderator wäre er sehr unerträglich. und ich würde mit ihm wohl sehr lange herumstreiten, weil ich mir das nicht gefallen lassen würde. Sehr gut finde ich ja den Brief an Zilk aus dem Buch Demnächst von Jörg Mauthe, weil irgendwie sehr treffend.

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