Apokalypse im Supermarkt

Ich berichtete von meinem erfolgreichen Buchkauf erst kürzlich und mein Lob darob.

b-001Das zweite Buch war vom optischen Erscheinungsbild eigentlich nicht mein Favorit im Stapel der angebotenen österr. Literatur. Der Einband, so ein undefinierbares eigentlich-nicht-Orange. Ich glaube, man hatte Angst mit einer Partei in Verbindung gebracht zu werden und so ziert ein vielleicht kräftiges Pfirsichfarben das 3cm dicke Buch. Hardcover, weil relativ frisch herausgekommen. Die Einbandgestaltung von einer Werbeagentur vorgenommen, wird brav im Umschlag erwähnt, ist aber eher Marke „das hätte ich selbst nicht viel schlechter hingekriegt“ und zeigt von Selbstbewusstsein.
Da gab der Titel „Kollateralschaden“ schon mehr her, denn er machte mich sehr neugierig. Kurz hineingeblättert, das macht man so bei Büchern, um andere zu beeindrucken. Ebenso wie man bei einem frisch eingeschenkten Weinglas die Nase tief ins Glas hängen soll, bevor man den ganzen Inhalt auf Gedeih und Verderb mit „hopp und ex“ kippt.

Ich mag Bücher, wo viele Leute vorkommen eigentlich nicht. Es soll klein, amikal und persönlich bleiben, selbst auf bedruckten Seiten. In diesem Buch ist es ganz anders. Ob ich es dann gewählt hätte, wenn ich es vorher wüsste was da auf mich zukommt?
Das sind Fragen, die auch in diesem Werk vorkommen. Nicht was wäre, wenn die Ente, das Buch zur Seite gelegt hätte. Aber zum Beispiel, was gewesen wäre, wenn D. nicht die Autoschlüssel am Fahrersitz liegend eingeschlossen gesehen hätte, sondern auf der Suche nach dem Bein eines vermeintlich auf der Autobahn erlegten Hirsch-Reh-oder vielleicht doch braunpelzigen Menschen, irgendwo am Abhang verloren geglaubt und stundenlang gesucht hätte, obwohl sie doch gut verschlossen im nicht zugänglichen Auto lagen. Was für ein Glück, dass sie wohlbehütet am Fahrersitz liegen und man dadurch wenig erschöpft, trotz herangeeilter nichts ausrichtender Hilfe, die rechte hintere Fensterscheibe einschlagen kann.
Was alles in 60 Minuten passieren kann und zwar zwischen 16.30 und 17.30 Uhr an einem stinknormalen Tag. In einem Supermarkt, wo man gedankenverloren statt zur Margarine zum Butterschmalz greift und dabei über sich, den nächsten und die Welt nachdenkt. Der Lehrling, der sich aus finanziellen Gründen keine Markensportschuhe kaufen kann und sie schlussendlich einem ko geschlagenen Regalsurfer abziehen konnte und unbemerkt davongeht. Was genau der Sportschuhträger im Supermarkt machen wollte und den Freund anhielt dies zu filmen, kann ich nur vermuten. So etwas ist mir in der Art noch nie untergekommen, aber ehrlich gesagt, ich wollte schon des öfteren einmal zum Weihnachtsabverkauf gestapelte Keksberge zusammenstürzen sehen, indem man ganz unauffällig dem mit System gestapelten Berg einen Tritt versetzt und er in sich stürzt. Sind wirklich auch in der Mitte Keksschachteln, oder ist es da hohl und sieht nur nach mehr aus?
Oder H! Wird er sterben, weil er unglücklich auf ein Regal fiel, während einer Überfall schrie und ihn zur Seite schubste, obwohl er eigentlich nur Geschenkpapier kaufen wollte, das er vorher beim Plaudern in der Trafik vergaß zu kaufen. Geschenkpapier für ein Geschenk, das noch nicht ausgesucht wurde, weil H. eigentlich nicht weiß, in welchem Zustand er seine Frau aus der Privatklinik abholen wird. Es ist ein Eingriff, der für viele Frauen normal ist, die Gebärmutter wird entfernt, vielleicht Krebsverdacht, das wird die Untersuchung in der Pathologie zeigen. Aber H. malt sich aus, was wäre wenn, und seine Frau nicht mehr lange am Leben sein wird, oder er bekommt sie als Pflegefall nach Hause? Wie sieht das mit der Bedienerin aus, wird sie bleiben, wo kann man eine neue finden, die doch nur unter der Hand weitergereicht wird und überhaupt wie sieht das mit den staatlichen finanziellen Zuwendungen aus? Sicherheitshalber aber Geschenkpapier kaufen, man will doch nicht den Teufel an die Wand malen. Was er nicht weiß, seine Frau hat unter der Hand mit dem Operateur vereinbart, denn sie ist keine normale Patientin, sondern eine privat Zahlende, sie lässt sich ein bisschen von ihrer Fettschürze wegnehmen. Das muss keiner wissen und immerhin passiert das in einem Aufwaschen, as muss schon im Preis drinnen sein. Und dann ist da noch der Klodeckel, der vergessen wurde hinaufzuklappen und zu einer peinlichen Situation herbeiführte, allerdings nicht im Supermarkt, sondern nur in der Erinnerung. Alles in einem Mischsupermarkt aus Billa und Merkur, da wo man als sechster an der Kassenschlange wartender Kunde „Kassa bitte“ rufen darf und dann zu langsam ist, um die neu eröffnete Kassa zu stürmen. Noch nie passiert – doch, kann doch nicht sein.
Und der Inhalt, die Geschichte dieses Buches? Gibt es keine, es ist ganz normaler Alltagswahnsinn, sehr inhaltsstark und amüsant! Man findet sich immer wieder, sogar in den vielen Mitwirkenden und sieht sie förmlich geistesabwesend ihre Einkaufswagen schieben.
Kategorie empfehlenswert!

Was mir nicht gefiel: Die Wortwahl „albern“ und „Feierabend“ gehören in kein österr. Werk, da bin ich hart und unbeugsam.

Olga Flor, das Buch Kollateralschaden möge man bitte im Buchhandel selbst suchen.

12 Kommentare

Eingeordnet unter Ent(e)deckt

12 Antworten zu “Apokalypse im Supermarkt

  1. Toll geschrieben! Magst du das Buch nicht auch auf http://www.literaturzeitschrift.de vorstellen?

  2. Ganz normaler Alltagswahnsinn klingt gut – da könnte ich mir schon ein Zweitbuch … ach was soll’s? Ich mach jetzt dann Feierabend und werde ein bisschen herumalbern 😉

  3. Die Verlagshäuser sollten Dir für diesen Klappentext die Türe einrennen.

  4. Ich lese deine Beschreibungen immer sehr, sehr gern. So vorgestellt, erweckt das Buch gleich meine Neugier.

    Ich füge noch das Wort „lecker“ dazu.

  5. @Rupi: Schick dir morgen ein mail, weil ich dazu Fragen habe. Danke, für dein Lob!

    @rufus: Beim Zweitbuch unbedingt darauf achten, wie stark das Buch ist. Damit es unter wacklige Sessel- und Tischbeine geschoben werden kann.

    @lamiacucina: Danke! Sollte ich vielleicht die Türe aufmachen, damit sie es leichter haben? 😀

    @Bulgariana: Das freut mich! Ich schreibe nur über Bücher, die mich wirklich überzeugen und von der ersten bis zur letzten Seite unterhalten.
    Da gibt es noch einige Worte, die sich in den österr. Sprachgebrauch einschleichen. Ich halte meinen Degen diesbezüglich immer bereit. 😉

  6. dieses buch wurde offenbar von mr. anonym übersehen.

  7. es ist eben nicht leicht, der beste zu sein ….

  8. @herold: Wer ist Mr.anonym? Da steh ich jetzt an.

  9. tatortkrimi

    Sehr schön, vielen Dank für den Tipp, das Buch kommt auf meine Liste.

  10. @Lreporter: Es tut mir leid, dieser Kommentar wir in der Spam-Warteschleife und in die sehe ich leider so selten. Musst schon sagen, wenn dir wo eine Antwort fehlt.
    Liest sich sehr interessant – aber im Moment bin ich ein wenig überfordert. Gestern einen super Club2 gesehen über die Finanzkrise und unsere Wirtschaftssysteme. Lege ich dir ans Herz, wird auch in 3SAT wiederholt!

  11. Pingback: Olga Flor: Kollateralschaden « LeseLustFrust

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