Tagesarchiv: Januar 15, 2009

Keine Grabesstille

Um dem Klischee gerecht zu werden und in anderer Hinsicht ein wenig den Schnee zu genießen, spazierte ich gestern auf meinem „Lieblingsfriedhof“, was wirklich ein wenig irre klingt, wenn das wer Außenstehender hört. Aber aus der Überlegung heraus, ein wenig den Gedanken nachzuhängen und dabei alleine zu sein, muss man solche Orte aufsuchen.
Still ist es leider nicht in St. Marx, weil irre Stadtplaner direkt daneben die stärkst befahrenste Straße Europas gebaut haben. Da wummern vornehmlich LKWs über die Südosttangente und sind der einzige Störfaktor bei diesem Spaziergang.
Ein paar Fotos gemacht, dabei gemerkt, mein Akku ist nicht mehr der beste, weil die Leistung bei der Kälte rapide abfällt. Zuerst wollte ich die Fotos im Bildbearbeitungsprogramm auf schwarz/weiß nachbearbeiten, aber irgendwie wirken sie mit dem geringen Originalfarbanteil besser und haben doch mehr Tiefenwirkung.
Freilich sollte ich die Fotos extern hochladen, damit sie nicht so komprimiert werden müssen – aber das ist alles zu umständlich, zu kompliziert, außerdem verlieren sich die Bilder ohnehin im gesamten Webangebot. Für ein Stimmungsbild genügt es, so mein ich.

Übrigens sperrt der Friedhof St. Marx um 16 Uhr seine Pforten. Pünktlich fünf Minuten vor vier fuhr ein Wagen der Stadtgartenverwaltung durch den Park, um eine Kontrollfahrt zu machen, bevor die Gittertore versperrt wurden. Ich war aber komplett alleine unterwegs. Vor meiner Zeit, so erkannte ich das an den Spuren, waren zwei Spaziergänger unterwegs, die abseits wie ich auf den Wegen unterwegs waren und jemand mit einem Kinderwagen, der das Mozartdenkmal umkreiste. Somit waren es mit mir höchstens viereinhalb Leute die gestern die Parkanlage besuchten – was für ein Gefühl …

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Der starke Schwächling

Es geht um den Mann, beziehungsweise wie er sich zur Zeit in der Gesellschaft sieht. So war gestern im Club 2 die Krise der Männer im Gespräch.
Bitte ladt’s mich doch einmal zu solchen Diskussionen ein.
Da schlag ich gleich einmal die Hände über den Kopf zusammen und meine; Leutl’n lebt’s einfach und denkt’s nicht so darüber nach, ob ihr Weibl oder Mandl seids. Das ist ja zum Junge kriegen, wie man sich seit einigen Jahren über alles und jeden tausendfach den Kopf zerbricht.

Die Diskussionsrunde war gestern, obwohl ich Schmidtkunz sehr als Diskussionsleiterin schätze, gar nicht gut zusammengesetzt. Sie entwickelte auch dieses typische Emanzengekeife in hoher Tonlage, wenn sie ihre Fragen so stellte, um Antworten zu bekommen, die ihr genehm gewesen wären.
Nur eine einzige Frau wohnte der Diskussion bei. Sie lebt seit Jahren in Schweden, in einem Land das „Dschender“-gendermäßig ganz weit oben steht. Das ist das Land, wo man sich auch in Möbelhäusern duzt und so sagt sie, werde schon im Kindergarten lenkend eingegriffen, wenn Sandkistentyrannen sich zu Leaderpersönlichkeiten hervortun und damit eine Mitläufergruppe um sich scharen, eine Gruppe Opfer und eine Gruppe Zuschauer. Der Anthropologe Karl Grammer entgegnete spontan, in allen Ländern wo starke Kontrollmechanismen wirken, lebt es sich viel gegenderter. Damit bin ich einmal froh, als Gender-Weh in Österreich zu leben, aber dafür über freie Entscheidungsgewalt zu verfügen (was ziehe ich heute an?). Kein Vorteil ohne Nachteil im Leben, denn Österreich liegt nach Aussage Grammers an 87. Stelle im Gender-Gap-Report von 2007, was auch nicht stimmt, denn 2008 reiht uns der Report an 29. Stelle. Diese Studien richtig oder falsch sind zwar interessant im Vergleich, bringen einem persönlich aber relativ wenig.
So wurde in der Diskussion behauptet, ein Viertel der in Partnerschaften lebenden Frauen, wären nicht erwerbstätig, was allerdings nicht stimmt, wenn man dieser Studie glauben schenken darf (siehe Seite 18). Grammer meinte, eine Studie von 120 Kulturkreisen ergab, dass der Mann überall die gleiche Stellung bezieht, egal ob er im Mobelhausland wohnt, oder im verkorksten Österreich, das mit zu traditionellen Verhaltensmustern lebt. Also brauch ma gar nimmer weiter reden?

Eine Aussage wie viel Mann/Frau Anteil ein Mann in sich trägt, die ich einmal so stehen lassen will, weil ich da immer die Analyse von Äußerlichkeiten aus dem dritten Reich im Kopf habe, ist an den Fingern zu sehen. Je nachdem wie hoch der Testosterongehalt der Mutter während der Schwangerschaft war, so entwickelt sich der Mann. Ist er weniger hoch, ist er ein sensibler, gefühlvoller Mensch, ist er hoch gewesen ist der Macho schon vorgegeben. Erkennbar wäre das – und deshalb meine vorherigen Bedenken – an der Länge des Zeigefingers. Aaaah, jetzt schaut jeder auf seine Zeigefinger, brav! Beim MannMann ist der Zeigefinger größer als der Ringfinger, beim MannFrau ist er gleich groß oder kleiner. Genauso funktioniert das umgekehrt, eine FrauFrau hat einen kleineren Zeigefinger und eine FrauMann einen größeren. Frau Schmidtkunz ist eine FrauMann und erwähnte auch, es hat sie der Schlag getroffen, als ihre Tochter nach einer genderneutralen Erziehung im Kindergarten mit Puppen gespielt hat. Da sag ich einfach nur Ätsch und lache, denn nicht alles passiert so, wie man es sich wünscht. Ich selbst bin links eine FrauFrau und rechts ein Zwitter, weil gleich großer Zeige- und Ringfinger.

Nur kurz hat man sich in Statistiken verlaufen und kam dann wieder auf den Status quo zurück. Ein Teilnehmer war Manfred Twrzinik, der Männerseminare abhält. Er ist Informatiker (wieso schaut die HP so hässlich aus?), Erwachsenen(aus)bildner und Persönlichkeitstrainer. Darf ich sagen, was ich mir denke? Was es zur Zeit an Menschen gibt, die in der Erwachsenenausbildung, Vermögensverwaltung und Coaching tätig sind, das geht über keine Kuhhaut mehr. Ich spreche auch dem größten Teil deren Kompetenz ab. Nicht selten finden wir Personen in Vermögensberatungsfunktion wieder, die kurz davor mit ihrem Unternehmen in Konkurs gegangen sind. Damit will ich ihnen nicht absprechen, dass sie es vielleicht könnten, aber diese Fülle an Pseudocoachs macht mich schon nachdenklich. Und so macht Twrzinik in Sachen Mann. Ob ich wohl ein Trottel bin, weil ich es bis jetzt noch nicht zum Coach gebracht habe? (Wenn mir einmal fad ist, dann besuche ich ein Seminar zur Coachausbildung.) Seine Aussagen haben mich nicht überzeugt, genau so wenig wie seine Studien, wo er vierzig Frauen befragt haben will, was sie in der gemischtgeschlechtlichen Arbeitswelt stört. Angeblich ganz hinten rangiert die nicht gleiche Bezahlung bei gleichem Arbeitsauftrag. Ich verlinke seine HP nicht, aber Seminare mit den Titeln: Das Schweigen der Männer, Lustvoll Mann sein, Was Frauen glücklich macht, König, Krieger, Magier und Liebhaber sprechen Bände. Schon gewaltig, womit man Geld verdienen kann und vorallem, dass Leute solche Seminare besuchen ist doch bemerkenswert. Aussagen, man soll seinen Söhnen nicht sagen, ein Indianer kennt keinen Schmerz und man soll das mit Indianerin versuchen, sind schon wenig originell und ausgelutscht. Neue Ideen hatte er keine.

Ein Vorzeigemann war noch da, der auch der Minderheit der männlichen Karenzgeldempfänger zuzuschreiben ist. Er ist Gründer eines Männerspielplatzes, wo gebaggert, zerstört und geschrottet werden kann. Kunden sind vornehmlich Männer, die dieses Package zumeist von ihren Frauen geschenkt bekommen (typischer Fall von hat-schon-alles). Auch Firmenevents werden dort abgehalten – kein Wunder warum wir uns in einer Wirtschaftsrezession befinden. Wobei er anmerkte, da der Bagger nur mit zwei Finger zu steuern ist, wären Frauen in dem Fall viel geschickter als Männer im Umgang mit diesem Fahrzeug. Bitte jetzt nicht schmunzeln, das sind empirische Forschungsergebnisse dieses Herrn und entsprechen keinem gendergerechten Blickwinkel.

Grundtenor der Diskussion war – und das wundert mich sehr – der Mann fühlt sich in der Arbeitswelt einem unheimlichen Konkurrenzdenken ausgesetzt. Das entspricht nicht meiner Beobachtung, denn ich meine, Frauen haben ein ebengleiches Konkurrenzverhalten, sobald sie in einer höheren Etage sitzen. Wenn sie überhaupt einmal diese luftigen Höhen erreichen können. Für meine Begriffe bilden Männer sogar Seilschaften um sich untereinander zu fördern und hochzuhieven.

Die Diskussion war diesmal nicht so wirklich stark, trotzdem oder gerade deshalb weil so viele Männer darin gesessen sind … ?

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Gehirnwäsche

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Man fährt vorbei, man liest davon etwas in der Zeitung und weiß eigentlich nicht mehr genau was.
Am Sonntag bin ich irrtümlich zur falschen Kunsthalle gegangen. Es gibt nämlich die Kunsthalle wien am Karlsplatz und die Große Kunsthalle im MQ. Das muss man einmal wissen, denn für mich ist Kunsthalle, Kunsthalle und Größe ist relativ – wie wir wissen.

Nichts mit Gehirnwäsche, oder Kopfwäsche, so wie ich als erste Assoziation diese Skulptur interpretieren würde. So viel dazu, ob man Kunst verstehen muss.
Es ist keine Skulptur, sondern eine Installation! Alles was zur Zeit Aufmerksamkeit erregen will und muss, ist entweder Aktionismus oder Installation. Wobei ich bei Installation immer an Installateur denken muss, das österr. Wort für Klempner. Der Installateur, nein Künstler ist der Holländer Van Lieshout, der dieses Kunstwerk schuf. Er benennt es ganz anders, nämlich Wellness Skull und auch die wahre Funktion eröffnet sich erst im Inneren des Totenkopfes. Ganz unten eine Badewanne, worin es jetzt auch ganz schön huschi sein muss, dann ein Saunabereich (im Hinterkopf) und die Dusche. Der Wellness Skull ist jeden ersten Samstag in Betrieb (nur mehr bis März) und dann strömt aus den Augenlöchern Dampf. Ganz witzig finde ich das „Überdruckventil“ an der Schädeldecke, so etwas würde ich auch manchmal brauchen.
Joep van Lieshout meint, sein Kunstwerk passe besonders gut zu Wien, wo der Tod so lebendig wäre. Da krampft es mir ja gleich wieder den Magen zusammen.
Für meine Begriffe ist dieses Kunstwerk insofern passend, weil wirklich in jedem Eck Österreichs, wo eine warme Quelle sprudelt im Moment eine Therme mit einem Wellnesshotel entsteht. Dort pilgern die Leute dann zu Wellness-Wohlfühlwochenenden und schmoren im eigenen und fremden Saft, holen sich allerlei Getier und Pilze und fühlen sich angeblich dabei wohl. Und das war die Grundidee des Künstlers ein Zeichen gegen den Wellnesswahn zu setzen, der der Vergänglichkeit des Körpers entgegenwirken soll. Man verliere das Vertrauen zu sich selbst und suche die Selbsterfahrung in Sport, Reisen und Wellnesszentren.

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Ich habe an den Künstler lediglich drei Fragen offen: Wo ziehe ich mich um, wo kann ich meine Kleidung hingeben und wo kann ich Pipi gehen?
Und wo steht seine Installation „BarRectum“ und was gibt es dort zu schmausen?

Und das ist wirklich ein Jahrhundertwurf! Ein Kunstwerk über die Vorurteile Europas als totaler Bluff! Genial!

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