Alle sieben Wellen

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Gut gegen Nordwind und Alle sieben Wellen ist die schönste Liebesgeschichte seit der Love Story. Ein Buch, das ich so etwa mit 14 Jahren las und dabei Rotz und Wasser heulte. Zugegebener Maßen, das von Glattauer gewählte Thema ist nicht unbedingt frisch (You’ve Got Mail), aber doch hat er es auf eine ganz andere Weise umgesetzt, dass sich daraus eine wundervolle Erzählung machen ließ. Ja, es sind sogar zwei Bände geworden und das Schöne daran ist, der zweite Band fällt um kein bisschen ab und behält seine prickelnde Spannung! Lesefaule können auch erst bei der Fortsetzung einsteigen, denn der Autor bindet geschickt ein, was im ersten Band passierte, ohne zu langweilen. Es würde aber dem Leser etwas entgehen, wenn er ihn nicht genießen würde.

„Wie es mit uns weitergehen soll, Leo? – Weiter wie bisher. Wohin? – Nirgendwohin. Einfach nur weiter. Du lebst dein Leben. Ich lebe mein Leben. Und den Rest leben wir gemeinsam.“

Gut, so einfach ist es nicht, wie es sich am Buchumschlag ließt. Auch wenn jetzt viele nicken, genau das wäre das Idealrezept für eine Liebesbeziehung, die per Email passiert. Alle haben wir geliebt, lieben, mit Höhen und Tiefen, mit Freudentränen und heftigen Streitgesprächen – wir verstehen Emmi und doch verstehen wir sie nicht. Wäre Leo der Paradewunschschwiegersohn, oder handelt man sich mit ihm nur Probleme ein?
Dieses „ich will, ich will dich nicht“, zuwarten, fordern, über Jahre hinweg und in welcher Form es geschieht, geht ein wenig am Realismus vorbei, denn ganz so glatt und harmonisch lebt es sich nicht, besonders unter widrigen Umständen. Aber wir wollen ja keinen Spiegel vorgehalten bekommen, sondern in eine Geschichte eintauchen, die uns lachen und auch weinen lässt. Bis zum Schluss hält der Autor die Spannung und man weiß eigentlich nicht, ob sich die beiden finden oder nicht. Wir fiebern mit, geben Emmi oder Leo gedanklich gute Ratschläge, was er sagen soll, wann er sein Email nach gewisser Absenz absenden soll, um mit taktischem Gefühl zu agieren. Hat Emmi frauentechnisch gut reagiert? Umgarnt sie ihn geschickt wie einen Kettenhund?

Beide Bücher sind in einem leichten, grazilen Stil geschrieben. Glattauer hat eine schöne, normale Sprache, nicht hochtrabend aber mit Raffinessen. Er jongliert mit seinen Worten und malt Bilder, die wie Wölkchen über dem Lesehimmel schweben. Die Geschichte ist, wollen wir ganz pragmatisch sein, ein wenig unrealistisch, dass alles so ablaufen kann. Trotzdem fühlt man sich während und nach beiden Büchern nicht betrogen. Es könnte so sein, so wie es ist!

Glattauer hat bei mir einen schweren Stand und zwar nicht von literarischer Seite her, sondern eher was seinen Namen anbelangt. Ich würde ihn so gerne Glatterauer nennen, weiß nicht wieso, zügle mich und immer wieder rutscht der Name falsch heraus. Ich denke, er wird damit leben müssen und es wird seinem Erfolg keinen Abbruch tun.
Glaubt man ihm, er hätte sich tatsächlich noch nie per Email verliebt? Kann so ein intensiver Inhalt nur im Kopf entstehen? Und hat er sich denn gut in Emmi hineingelebt? Das alles wäre für mich diskussionswürdig.
Vielleicht hat man bei einer seiner Lesungen die Möglichkeit, dies anzusprechen.

Viel Spaß beim Lesen!
Noch was von ihm: Rainer Maria, die verliebte Nacktschnecke (Dabei trifft mich gerade der Umschlag: Emmi heißt Rothner und im Nacktschneckenbuch hat eine gewisse Roither die Illustrationen gemacht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.)

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Alle sieben Wellen

  1. Na sowas, wir haben auch schon ein Zweitbuch! Im wahrsten Sinne des Wortes – heute kam der Postler mit einem Amazon-Packerl – das Buch steht schon im Regal – aber an der anderen Adresse.

    Deine Rezension macht neugierig, gefällt mir wirklich gut.
    Eine belesene Katze hast du auch?

  2. Ach ja… Bald gibt es Werther in Emailform… – Ich glaube, Dipl-Psych. John Wolf Goethe hätte es gefallen!

    Als, igitt, „junger Mensch“ habe ich Jahre lang immer nur Weltliteratur gelesen; im Ernst: ich habe das im Vor- und/oder Nachwort nachgesehen (wenn ein Buch Vor- und Nachwort hat(te), bestand ohnehin der Verdacht der Höherwertigkeit); heute finde ich, wenn „so was“ gut gemacht ist: okay…

  3. Ach ja: die Alpha-Blogger und ähnliche Multiplika-Toren rümpfen ihre Näschen immer über „Katzencontent“: ich finde diese Schnurrefixe einfach zum Verspeisen; in meiner nächsten Wohnung wird die Reihenfolge der Einrichtung folgende sein: Modem einstöpseln – Katze besorgen… Hihi.

  4. @Wienermädel: Der Tisch hat ja vier Haxen, da darf man sich ruhig noch ein Buch kaufen, wenn er wackelt. 😉

    @gDino: Früher habe ich auch alles gelesen, was als gut bewertet wurde. Heute nehme ich mir die Freiheit, ein Buch wegzulegen und zu sagen, mir ist die Zeit zu schade.
    Die Katze wird es dir danken, wenn du sie nicht einstöpselst. Katzencontent vermittelt, man wäre ein liebevoller Mensch – hähäää.

  5. liebe ente, wir haben das buch am sonntag in berlin ausgelesen. wir haben es uns vorgelesen, wie auch „gut gegen nordwind“, und das hat sehr spezielle gründe. ich bin jedenfalls ganz deiner meinung – den rest (der hier nicht hergehört, aber sehr viel mit den beiden büchern zu tun hat) werde ich daniel glattauer hoffentlich mal persönlich erzählen können. schade nur, dass er vorerst nicht mehr im standard zu lesen sein wird, vor allem sein einserkastl geht mir ab.
    ich finde „alle sieben wellen“ übrigens noch besser, stringenter, noch schöner geschrieben, so schön, dass ich manchmal fassungslos war, wie wenig vermuteter inhalt („e-mail-roman“) mit tatsächlichem (grossartig und sehr einfühlsam geschriebene, bewegende liebesgeschichte, die aber auch gar nix von einem oberflächlichen internet-dating-gschichterl hat) übereinstimmt. ich hoffe sehr, dass das buch nicht unter seinem wert gehandelt wird, sondern einen guten platz auf vielen nachtkastln, in reisegepäckstücken und in bücherregalen bekommt.

  6. @Liebe katha: Ja, ich vermisse „dag“ auch schon die längste Zeit. Am Frühstückstisch, links der Kaffee, rechts das Einserkasterl mit einer amüsante Begebenheit, so wie’s halt lauft bei uns in Ö. Ich will ja nicht schleimen, aber wenn der Tag mit einem Grinser beginnt, dann scheint die Sonne auch an Regentagen. Schade, sehr schade!

    Keine Oberflächlichkeiten, genau! Das ist mir auch aufgefallen und auch die besonders liebevolle und behutsame Art, wie die beiden miteinander umgegangen sind. Das ist ausgesprochen gut gelungen! Trotzdem (oder gerade weil) man nur Ein-Satz-Nachrichten schrieb?
    Bei einer anderen Buchbesprechung dieses Werkes wurde angemerkt, man vermisse mehr Hintergrund und Einzelheiten der Personen. Interessanter Weise war das nie ein Thema für mich, was die beiden in ihrer übrigen Zeit machen. Ganz im Gegenteil, für meine Begriffe hätte das nur abgelenkt. Außerdem können Emmi und Leo, du, er, sie, viele sein Alle machen etwas anderes und doch kann die Liebe einschlagen.
    Du bist eigentlich die erste Leserin, die anklingen lässt, sie findet sich in diesem Buch wieder (wenn ich das richtig deute). Und das zeigt doch, es kann und könnte so etwas passieren. Wobei sich darin zu verstricken, was wahr und erdacht ist, vertreibt den Zauber.

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