In einem stillen Eckerl …

heuriger4Die Touristen werden in Autobussen scharenweise nach Grinzing zu „Original Wiener Heurigen“ gekarrt, wo kein Wiener mehr hingeht. Eigenartiger Weise fällt das den Touristen kaum mehr auf, dass nur ihresgleichen aus aller Herren Länder dort sitzt.
Warum kein Wiener mehr nach Grinzing hingeht? Weil es mit einem Heurigen nichts mehr zu tun hat, denn die Urwiener Institution wurde dort, wo der Wein so besungen wird und wurde, komplett kommerzialisiert. Wo es früher üblich war, dass Musiker (zumeist Autodidakten) von Tisch zu Tisch gingen und beim Heurigengast Wienerlieder vortrugen (kein Heurigenmusiker sieht sich als Sänger), sitzen jetzt Importmusiker aus dem nahen Grenzland in Grinzinger Weinrestaurants und spielen auf Bestellung, was sich der Tourist in guter weinseliger Laune so wünscht und wozu es sich gut schunkeln lässt: „Warum ist es am Rhein so schön?“(als budapester Weise) oder Auszüge aus der Kleinen Nachtmusik (mit böhmischem Taktgefühl) für die japanischen Schnellsiedetouristen (See and feel Europe in 5 days).
Wehe, wer als Geheimtipp des Wiener Heurigens, Neustift angibt, auch von dort sind die Bilder nicht, obwohl Neustift erträglicher als Grinzing ist.

Moser Remake

Woran ich mich noch erinnern kann:
Dass man sich sonntags beim Heurigen getroffen hat, weil man damals noch kein Haus in Klosterneuburg oder Baden hatte. Damals war es noch chic genug in der Stadt zu wohnen und lufthungrig den Heurigen aufzusuchen.
Damals hat der Heurigenwirt nur kalten Aufschnitt, hartgekochte Eier und einen Liptauer angeboten. Und natürlich Wein: Grüner Veltliner, Gemischter Satz (wieder sehr modern), an „Alten“ (Weißwein aus dem Vorjahr) und eine Sorte Rotwein. Für Kinder das Zitronenkracherl in der Bügelflasche und das Sodawasser aus der Syphonflasche (jetzt wieder modern). Der Wein wurde in einem Glas mit einem „Hengl“ ausgeschenkt. Kein Bier, kein Kaffee, keine Erdbeerbowle.
Wer Warmes wollte, hat Gebackene Schnitzeln (vom Schwein, gab es damals schon Truthahn?), Fleischlaberln und an Erdapflsalat im Gurkenglasl mitgenommen. Dazuwischen kullerten in der Blechbox (Tupperware war damals noch in Amerika) irgendwo Paradeiser (noch die in ganz normaler Größe und Farbe) und Radieschen, eingebettet zwischen zwei Schneidbrettln und einer rotkarierten Serviette.
Teller und Besteck hat der Heurigenwirt gerne zur Verfügung gestellt.
Ich weiß nicht, welche Augen ein Heurigenwirt heutzutage machen würde, tät man sich die Verpflegung mitnehmen und noch dazu die Impertinenz haben, um Geschirr zu bitten um mitgebrachtes Essen zu verzehren.
Kennt jemand einen Heurigen in Wien, wo man das noch darf?

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26 Kommentare

Eingeordnet unter ente on tour, stadtgeschichten

26 Antworten zu “In einem stillen Eckerl …

  1. ludi

    hhhmmm… jetzt hab ich das so interessiert gelesen und weiss immer noch nichts über diesen heurigen … ist das ein ganz besonderer flaschengeist?

  2. Warst leicht in Stammersdorf?

  3. Da muessen Sie dann schon nach Nordwesten, zum ungeliebten Nachbarn nach Franken reisen. Dort, „auf dem Keller“ beispielsweise rund um Bamberg, kann man sein eigenes Essen mitbringen, fuers Bier ist dann der Wirt zustaendig.

  4. @Des Wiener’s ureigener Geist.🙂

    @Nein, auch nicht.😉

    @In Franken, schmeckt denn da der Wein überhaupt? Ist das die Gegend, die sich noch zu Bayern zählen will? Es gibt nur ein paar deutsche Weißweine, die der Wiener auch gern beißen mag. Und wenn der Wein nicht schmeckt, dann pfeif ich auch drauf mir dort das Schnitzl mitnehmen zu können.😀

  5. Gaugi

    ich fühl mich gerade alt. sehr alt.

  6. ottakring? keine ahnung. aber weisst, was ich nicht leiden kann? dass bei den zwar atmosphärisch netten heurigen, wo auch das buffet noch ganz traditionell (was nicht gleichzeitig gut bedeuten muss) und ohne modische verwirrungen gemacht wird (putenschnitzel, bäh), meist der wein solala, jedenfalls nicht gut ist. drum gehe ich so gerne zum christ (nur in ungeraden monaten!), weil dort der wein ganz grosse klasse ist (auch als gspritzter) und das buffet gut. auch, wenn’s atmosphärisch nicht traditionell, sondern auf eine sehr eigenständige art modern ist.

  7. ps: ja, mail da, sorry! mich derstrudelts selbst so, dass ich das gar nicht schlimm fand und wir sind ja noch jung und das wird alles noch gut mit uns! (btw: crossiants gibt’s erst wieder ab september im tatarata, jetzt ist’s zu heiss dort zum machen!)

  8. @Gaugi: Was soll das heißen, du fühlst dich alt.😀

    @katha: Ich hab geschwindelt. Der Heurige befindet sich in einem Vorort Wiens, der früher einmal zu Wien gehörte. (Kloburg)
    Ich gehe mit dir konform, dass traditionsbewusster Heuriger nicht unbedingt gutes Buffet darstellen muss. Das ist bei Wirtshäusern nicht anders. Leider gibt es beim Heurigen ziemlich mangelndes Qualitätsbewusstsein.
    Beim Christ war ich schon ewig nicht mehr. Dafür beim Wieninger, der ein witziges Crossover Buffet anbietet, was ich in der Zusammensetzung gerne zulasse. Dafür hat mich der Zahel sehr enttäuscht, sowohl beim Wein, als auch beim Kulinarischen.
    PS: mail – ist ok, ich habe mir ja auch ewig lang zeit lassen. wir sind ja noch jung, genau, außerdem muss ich einen zweiten brotversuch angehen, sonst darf ich gar nicht außer haus dich zu treffen.😉

  9. Ist doch überall das selbe, glaubst du denn ein echter Münchner geht aufs Oktoberfest?🙂 Immerhin hat sich noch München die „Mitbringkultur“ bewahrt. Als die Wirte irgendwann anfangen wollten das zu verbieten gab es dermaßene Proteste daß sie es ganz schnell wieder haben bleiben lassen. Ob Biergarten, Stadtfeste oder Kocherlball, man bringt die Brotzeit selber mit. Neuerdings sogar in Tupperware😉

  10. ich wollte dir gerade einen aufschreiben, habe gegoogelt und stelle fest – er heisst nicht mehr so wie früher. Womöglich gibt es den Besitzer auch nicht mehr und er wurde verkauft. Aber damals gab es im 19. gute, nicht versnobte Heurigen. Die keine Backhendl und keine Cordon Bleu servierten. Aber ich war zu lange nicht mehr dort. Das war mein altes Leben.

  11. flattersatz

    tempora mutantur et nos….

    du kennst den spruch, der den lauf der dinge ganz gut beschreibt. auch die heurigen wirte wollen geld verdienen und wenn sie es mit den japanischen touristen (und den deutschen) können, machen sie es… wer wollte es ihnen verdenken. für die einheimischen bleiben rückzugsgebiete, einzelne lokale. ich kenn es hier aus unserer gegend in ähnlicher weise, auch hier sind ganze weinorte vom tourismus vereinnahmt worden (drosselgasse in rüdesheim z.b.). und was macht man selber? geht in die kleinen lokale und weinstuben, freut sich noch dran aber trotzdem: „bei dem und dem ist aber das essen besser….“

    so bleibt die mit erinnerung und wehmut vermischte nachfreude (im gegensatz zur vorfreude, habe ich gerade kreiert) auf die vergangenen zeiten, in denen manches noch anders war. aach net schlecht… die nachfreude auf damals mein ich….

  12. da bleibt mir doch nichts übrig als in den Keller zu gehen, einen Grünen Veltliner raufzuholen und einen Liptauer Brotaufstrich für mein eigenes Heurigenlokal herzustellen. Pech, dass das Lokal keine Terrasse und der Grüne Veltliner schon 3 Jahre auf dem Buckel hat.

  13. Teste mal den Heurigen Leopold-Keller, nahe Loisium Langenlois.

  14. Gaugi

    ich kann mich an etwas erinnern, das es so gar nicht mehr gibt. also wenn das nicht alt ist….
    (soll nicht heissen, dass ich die guten alten zeiten – die gar nicht so gut waren – zurück will)

  15. @Ich will zum Kocherlball. Noch immer. Oktoberfest reizt mich nicht.

    @Bulgariana: Wie heißt er denn, den es nicht mehr gibt? Ein Heuriger musste für einen bekannten Schönheitschirurg weichen. Vielleicht der?

    @lamiacucina: iiiieh, 3 Jahre ist zu lang für eine Veltliner.

    @rupi: oooooh, insider outside. Notier ich mir.

    @Gaugi: Hör auf zu lamentieren, es geht jedem so, der älter als 10 ist. Das haben wir der schnellen Entwicklung zu verdanken. In 5 Jahren weiß keiner mehr was ein Lexikon ist, außer du nennt es in Verbindung mit wikipedia. Es braucht (alte) Krokodile, die sich an früher erinnern. Auf ja und nein, macht man Handtaschln aus uns. Und selbst Krokohandtaschen sind ausgestorben.😀

  16. Sieht aber trotzdem recht sehr g’muatlich aus: aber ich werde mit zunehmendem Alter immer sentimentaler…

  17. George

    @ente:

    Dieses Jahr haben wirs übersehen, aber wenn du es für nächstes einrichten könntest? Muß ja kein Kostüm sein, a Dirndlgwand reicht scho! Vorm Oktoberfest hab ich jetzt schon wieder einen Horror, der Aufbau läuft ja schon seit Juli…

  18. @gDino: Ersetze u mit i, dann ist es Echt Wienerisch: Gmiatlich

    @George: Eine Wienerin im Dirndl ist das peinlich!😀
    Hast den Kocherlball verpasst. Sapperlott auch!

  19. @ ente:
    Im höheren Alter ist es nicht mehr so leicht sich mitten in der Nacht aus dem Bett zu quälen. Aber bald kommt ja die senile Bettflucht, dann geh ich jedes Jahr auf den Kocherlball🙂

  20. Nein, nicht der (welcher ist der, der weichen musste?). Ein Heuriger ist er immer noch. Nur der Name ist anders nund daher nehme ich an auch der Besitzer – früher war es „Zum Weihrauch“

  21. @George: :-))

    @Bulgariana: Der Christian Weihrauch hat sich erschossen, daher neuer Besitzer.
    Der Worseg hat sich beim ehemaligen Lier niedergelassen.

  22. ich war noch nie beim heurigen -/- in steyr [BCC -> @katha] hieß das früher saundmoar..

  23. 3 Jahre, kommt auf den grünen Veltliner an. Weine von Spitzenwinzern altern gut. Ändern natürlich dabei ihren Charakter.

  24. Gmiatlich, gmiatlich, gmiatlich – besser, oder?

  25. @gDino: Oh ja, du hast die erste Stufe von hundert zum Original Wiener erklommen! Gratuliere, magst eine Schwedenbombe, oder einen Mohr im Hemd?

  26. Die Buschenschank ist halt doch seit eh und je der bessere Heurige ………….. nein eigentlich doch gar nicht zu vergleichen.

    Uns haben sie das noch nicht kaputt gemacht, aber in ein paar Tagen bin ich wieder mal dort … ich lasse es Dich wissen, falls hier auch was im Argen liegt.😉

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