Steinhofgründe – Otto Wagner Kirche

Wien ist wieder einmal verschneit. Also hinaus in die Natur und einen Spaziergang machen. Mehr oder weniger um’s Eck sind die Steinhofgründe, ein Naherholungsgebiet für Ottakringer und Hernalser Fußvolk.

Man hofft alleine unterwegs zu sein und trifft dabei auf vorbeiziehende Karawanen am verschneiten Weg. Das löst ein wenig Ernüchterung aus. Doch ganz schnell wird es stiller. Zuerst biegen sie links weg, um sich im Schutzhaus zu laben, oder nach rechts um mit der Rodel (wie a Dodl) den nächstgelegenen Hügel runterzuflitzen. Auf ja und nein ist man dann doch alleine und genießt die Stille (wenn ich nicht singen würde – s.o.).

Und dann ein Highlight: Mitten im Wald taucht die „Kirche Am Steinhof“ auf. Die von Otto Wagner geplante Kirche ist unter einigen Bezeichnungen bekannt: ursprünglich „Anstaltskirche des Hl. Leopold“, weil sie als Herzstück der Krankenanstalt galt, läuft sie jetzt unter den Bezeichnungen „Kirche Am Steinhof“, oder „Otto Wagner Kirche“. Damit verbindet man den Namen der Kirche, sofort mit dem Planer des bedeutendsten Sakralbau des Jugendstils mit Otto Wagner.
Von 1904 bis 1907 haben täglich 5.500 Arbeiter am Bau der damals modernste psychiatrische Klinik Europas gearbeitet. Um die Baumaterialien (unter anderem italienischer weißer Marmor für die Kirche) am Lemoniberg zu führen, wurde eigens vom Bahnhof Ottakring eine Eisenbahnlinie gebaut, die nach der Fertigstellung der Anstalt stillgelegt und abgetragen wurde.
Die Pläne der Kirche wurden von der Wiener Bevölkerung dermaßen abgelehnt und man meinte, die „verrückte“ Kirche passe vortrefflich in das Areal der Irrenanstalt. Die Irrenanstalt, damals als „Weiße Stadt“ bezeichnet, war die modernste psychiatrische Klinik Europas. Sie bestand aus einer Heilanstalt, Pflegeanstalt und für das zahlungskräftige Publikum aus einem Sanatorium. Heute heißt das Gelände mit den historischen Bauten Krankenanstalt Baumgartner Höhe, worin auch die Gedenkstätte der NS Verbrechen der Medizin „Spiegelgrund“ (Seite leider offline) und ein Jugendstiltheater (dzt.geschlossen!) untergebracht sind.

9 Kommentare

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9 Antworten zu “Steinhofgründe – Otto Wagner Kirche

  1. Hat aus der „weißen Stadt“ auch Sigmund Freud Patienten erhalten? Mir ist so, als hätte ich davon in dem Buch „Der Seele dunkle Pfade“ vor vielen Jahren mal gelesen.

  2. @A.Tochter: Da bin ich überfragt. Hatte Freud nicht hauptsächlich „reiche“ Patienten? Es gibt einen Freud-Patienten, der dort verstarb. Ob er ihn auch in Steinhof behandelt hat, weiß ich nicht.

  3. bei Bild 4 und 5 denkt man sicher nicht an Wien…

  4. @weltbeobachterin: Obwohl wir ja viel „Wald“ haben.

  5. joulupukki

    Du wirst lachen, ich habs als gebürtige Wienerin noch nie dort hin geschafft. Ist das nicht schön, immer wieder neue Ziele in der eigenen Stadt zu haben?
    Danke für die Erinnerung daran!

  6. @joulupukki: Jeden Samstag gibt es eine Führung durch die Kirche. Und ab April eine 1 1/2 stdge Führung durch das Gelände, inkl. Jugenstiltheater. Das steht bei mir am Plan!🙂

    Das mit dem Theater finde ich sowieso arg, wieso das so selten bespielt wurde und nur für Ärztekongresse und so Schmarren verwendet wurde.

  7. Mit allen Anklängen an den maurischen Stil oder auch an den Stil „Ostroms“ dürfte man in Wien noch lange nach den „Türken vor Wien“ ein ziemliches Problem gehabt haben – insofern wundert es mich nicht, daß diese Kirche nicht vollen Anklang fand.
    Um so mehr, als man in dieser Zeit noch ziemlich dem Historismus verhaftet war…

    Und die „Anstalt“ war hübsch zwischen Wäldern versteckt, damit man sie von der Stadt nicht so sah?

  8. @Wolfram: Ich weiß nicht, ob das der Einfluss der Türken oder sonst wen war. Es gibt immer Aufstände der Bürger wenn es um architektonische Veränderungen geht. Das Auge ist gewisse Formen gewöhnt und muss sich erst an das Andere ?anpassen?, oder ist es Resignation, wenn man darüber nicht mehr wettert?.
    Das Haas Haus am Wiener Stephansplatz stand zum Beispiel ganz großer Kritik gegenüber und wurde verächtlich als „Waschtrommel“ bezeichnet. Jetzt hat sich das Gebäude in den Augen der Wiener gut ins historische Stadtbild eingefügt.

  9. Ups… Das Ding gehört allerdings meiner Ansicht nach auch nicht unbedingt ins historische Stadtzentrum…

    Man gewöhnt sich an alles. Die Autos, die man früher häßlich fand, sind auf einmal gar nicht so schlimm – und ein paar Tage später stellt man fest, sie sind Oldtimer geworden: „ich hab schon lange keinen mehr davon gesehen!“

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