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Stadtgespräche

Das Wochenende ist wirklich immer viel zu kurz.
Und doch gab es gestern zwei wirklich sehr interessante und spannende Sendungen im Hörfunk und Fernsehen.
In Ö3 höre ich gerne Sonntag früh, wenn ich Eier brate oder einfach nur Kaffee für mich koche, Frühstück bei mir, mit Claudia Stöckl. Es gibt kaum eine Sendung, die nicht hörenswert wäre. Diesen Sonntag war es ein Interview mit dem Zukunfstforscher Matthias Horx, das auch als podcast gehört werden kann. (Bitte beeilen, Ö3 hält die mp3 Dateien nicht ewig online). Aber auch die zuerst verlinkte Seite von ihm ist eine wahre Fundgrube, die sehr interessante Denkansätze enthält. Ich weiß jetzt nicht, ob, Horx in Wien wohnt, ich dachte, das so verstanden zu haben, er wohnt irgendwo in der Nähe von Währing.

Am Abend gab es dann eine Diskussion über Zilks Spionagetätigkeit in der damaligen Tschechoslowakei, die er ab 1965 gemacht haben soll. Die Geschichte wurde nicht aufgedeckt, sondern wieder aufgewärmt, vom Wochenmagazin „profil“, das an und für sich nur fundierte und gut recherchierte Aufdeckergeschichten veröffentlicht. Das profil bekomme ich jeden Sonntag per Hauszustellung vor die Tür gelegt – übrigens eine herrliche Erfindung, Zeitungen am frühen Morgen schon vorzufinden. Wenn dazu noch 2 frische Semmerln und ein Butterkipferl geliefert werden könnte, dann wäre der Sonntag noch perfekter!

Zilk, Programmdirektor beim ORF – daran kann ich mich nicht mehr erinnern, Bundesminister für Unterricht und Kunst und anschließend viel geliebter Wiener Bürgermeister – kein anderer konnte ihm bis dato das Wasser reichen, war eine sehr bunte und schillernde Gestalt. Er hat angeblich, was Frauen anbelangt nichts ausgelassen, war aber ein Mensch, der sehr charismatisch und mit einer riesigen Portion Zivilcourage seine politischen Aufgaben bestreitete. Natürlich wer Zilk kannte, hatte es ein wenig leichter, wenn er etwas Stadtpolitisches von ihm wollte. Aber er war auch streng, wenn ihn jemand um einen Schmarren ansuderte und das nicht so ganz seinen Vorstellungen entsprach.
Nun war in der gestrigen wirklich sehr heftigen Diskussion der Streitpunkt, ob es Zilk notwendig hatte umgerechnet 30.000 Euro und einen Kristallluster anzunehmen, für eine Tätigkeit als Spion, wo er eigentlich nichts wusste. Man vermutete, er erzählte dem tschechischen Geheimdienst nur Dinge, die er am Tag zuvor aus dem Kurier gelesen hatte. Der Geheimdienst wiederum zwar sehr effizient in seiner Bespitzelung, aber sonst steckenblöd, bemerkte gar nicht, wie wenig Gewicht diese Informationen hatten. Oder wollte er Zilk für höhere Dienste einkochen? Das war die Frage gestern.
Bacher und Michael Frank (SZ Korrespondent) versus dem Rest der Diskutanten. Besonders Dagmar Koller, Zilks Soubrette und Ehefrau war ganz außer sich. Natürlich, verteidigt sie ihren Mann und meint, man solle ihn doch in Ruhe unter der Erde liegen lassen. Außerdem fand sie es unerhört (der Scholz übrigens auch), als Frank erzählte, Zilk, der den Inhalt des Akts damals (späte 90er) schon kannte, wäre ganz stolz gewesen, wie darin Hauptaugenmerk auf seine ehemaligen „Weibergeschichten“ gelegt wurde. Ein wenig bekam die Diskussion einen grotesken Touch, als Scholz den Frank auf so klein mit Hut zusammengeputzt hatte und die Koller mit ihrem Kreuz in der Luft herumfuchtelte, als wäre Frank der Inbegriff des Bösen.
Und dabei frage ich mich wirklich, soll man so eine Sache nur weil sie schon ewig verjährt ist und die Beteiligten teilweise gar nicht mehr am Leben sind, unter den Tisch fallen lassen?
Oder soll man tatsächlich, so wie Bacher es verlangte, der Sache nachgehen. Und er hat nicht Unrecht, wenn wir heute über die Presse erfahren, Zilks Akten wurden in den frühen 70er Jahren vernichtet. Seit wann werden Akten über Geheimdienstermittlungen vernichtet?

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