Sanfter Texttod

Gestern beim Einschlafen – weiß der Kuckuck warum, habe ich darüber nachgedacht, warum ich bereits beginne in Blogeinträgen Wörter durchzustreichen. Noch vor einem Jahr fand ich dies als sinnloseste Ergänzung einen Text zu gestalten, oder die Möglichkeit dem Leser mein Denken nahe zu bringen und jetzt ertappe ich mich selbst dabei.
Wenn ich zurückdenke vor xx Jahren, als der Tintentod aufkam. Damals noch ein komisch dicker Zapfen, der in einer roten Plastikhülle steckte, leicht brach und so ähnlich wie ein Alaunstift aussah. Man schleckte den Stift ab, ich glaube er schmeckte wie Alaun (wie schmeckt Alaun?) und fuhr damit über die falsch geschriebenen Buchstaben. Die blaue Tinte verschwand und hinterließ einen gelben Schimmer, der an – ja genau – erinnerte. Dann musste man den Textteil trocknen lassen, einstweilen weiterschreiben, um dann mit einem seltenen Kugelschreiber (weil in der Schule verpönt und nicht erlaubt) seine Verbesserungen zu machen.
Später kam dann der Tintenkiller in praktischer Form auf. Ein Stift, der die Ähnlichkeit mit einem Filzschreiber hatte, aber wesentlich schneller austrocknete. Das hatte zur Folge, dass man manchmal so arg löschte und dann wutzelte sich das Papier der Hausaufgabe und war an der Stelle dünn geworden. Besonders dumm, wenn es eine rechte Seite war, dann musste man auf der darauffolgenden Seite, weil Rückseite, den wunden Punkt geschickt umschiffen. Am anderen Ende des Killers, hatte die Luxusversion einen blauen Filzstift, der aber nie die Farbe der Tinte hatte. So sah das Schriftbild, wer viel killerte, recht gscheckert aus. Außerdem zerrann der Filzstift wunderschön und der Strich war alles andere als abgegrenzt scharf dunkelblau. Das machte Probleme, denn Tintenkiller durfte man eigentlich nicht verwenden, denn die Hefte mussten ohne Hilfe fehlerfrei und das Schriftbild hatte gestochen scharf zu sein.
Und jetzt? Alles wäre so einfach, die Rück- oder Delete Taste und kein Mensch (ich habe gerade Sau weggelöscht, dies nur zur Info) merkt es. Und weil es keiner merkt und es so sauber passiert, verwendet man nun das Durchstreichzeichen, das man bei wordpress nur einsetzen kann, wenn man auf „grafisch“ schaltet.
Das sind wieder die Momente im Leben, wo ich meine, drehe ich gerade durch, oder doch die anderen?

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7 Kommentare

Eingeordnet unter befindlichkeiten, Die Welt

7 Antworten zu “Sanfter Texttod

  1. Je nachdem, wie man es benutzt, kann das Durchstreichen durchaus als stilistisches Hilfsmittel verwendet werden.

  2. tatortkrimi

    Sparsam und geistreich eingesetzt mag ich das sehr gern lesen – eine freundlich durchgestrichene umgangssprachliche Unfreundlichkeit wie „ein Arsch Leute“ für „eine Menge Leute“ treibt mir ein Grinsen ins Gesicht – bei Einsatz der Delete-Taste wär das nicht passiert.
    Zum Durchdrehen hat mir gestern jemand was Interessantes erzählt: Laut der Anweisungen an ihrem Arbeitsplatz (Öffentlicher Dienst) solle man im Umgang mit Chinesen nicht das chinesische Wort für die Zahl „Vier“ gebrauchen, das klinge so ähnlich wie „Tod“, bringe Unglück und sei deshalb unhöflich, außerdem sei es zu vermeiden, dem Chinesen einen Regenschirm zu schenken, denn das assoziiere er mit Trennung und Abschied und sei also ebenfalls unhöflich. Wenn es einem doch passiert, wäre es natürlich schön, man hätte auch im richtigen Leben eine Durchstreichfunktion, zumindest für die Handlungen der letzten halben Stunde, dann könnte man die Höflichkeit wahren und doch zeigen, was man davon eigentlich hält … 😉

    Übrigens: Den Geschmack der Killerstifte habe ich gehaßt.

  3. @buchstäblich: So ähnlich, wie wenn man in der Öffentlichkeit auf Tourette-Syndrom macht und laut „Ar…..ch, Ar…..ch, Ar…..ch, Ar…..ch“ schreit und nett jemanden dabei zuwinkt.

    @tatortkrimi: Wenn ich aber nun „einen Arsch voll Leute“ einfach so stehen gelassen und nicht mit der schönen Art „eine Menge“ ersetzt hätte, wäre das Grinsen auch da gewesen? Es ist ja eher so, dass man damit zeigen will, man kann auch „schön sprechen“. Im Prinzip liegt das dem Wiener sehr nahe, denn er sagt oft was anderes als er denkt, zum Beispiel: „Könntest du mir vielleicht bei Gelegenheit die Zeitung reichen?“ steht für „Reib umma des Blattl, aber flott.“
    Kurz habe ich die Geschichte mit dem Chinesen überdacht und überlegt, ob ich jemals einem Chinesen einen Regenschirm, oder überhaupt Freund wie Feind einen Regenschirm schenken würde. Das wird vermutlich nicht in Frage kommen. Allerdings weiß ich, in Zukunft bestelle ich 3 + 1 Frühlingsrolle, wenn wir zu 2 + 2 im Chinarestaurant sitzen.
    Merke: Die Durchstreichfunktion steht als Galgen über dem Fettnapf – alles klar!

  4. tatortkrimi

    Gut gesagt! (ich hätte auch gegrinst, mich aber gleichzeitig über Deine Wortwahl gewundert, weil sie, jedenfalls im Blog, relativ untypisch für Dich wäre)

    Mir ist inzwischen eingefallen, wo es diese Durchstreichfunktion im Mündlichen gibt: In amerikanischen Gerichtsfilmen. Der Verteidiger brüllt: Einspruch, Euer Ehren, der Richter sagt: Stattgegeben und bittet die Geschworenen, das soeben Gesagte aus ihrem Gedächtnis zu verbannen (bei mir hätte es den gegenteiligen Effekt, aber das nur nebenbei).

    Stell Dir vor, Du hast soeben den letzten Sake in den Hals geschüttet, die Sonne ist inzwischen wieder hervorgekommen, und Du vergißt Deinen Regenschirm. Nun weißt Du, warum Dein Stammchinese sich wundert, wenn Du das nächste Mal kommst. Wenn er Dir dann ein Vier-Gänge-Menü anbietet, hat er die Kränkung nicht verwunden.

  5. Was ist eine Sau-Taste?

  6. @tatortkrimi: Wie kompliziert das Leben manchmal ist.

    @rufus: Wenn du F5 drückst und mit Opera surfst, die Seite aber nur aus dem Cache erneuert wird. *grunz*

  7. Pingback: Sentimental journey « Entegutallesgut

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